Aktienanalyse lernen – Methoden und Kennzahlen – wie findet man gute Aktien?

Aktienanalyse lernen - Methoden

Wie erkenne ich, ob der Aktienkurs in Zukunft eher nach oben oder nach unten geht? Als Investor steht man jedem Kauf einer Aktie vor der Frage: Wie stelle ich fest, wie gut das Unternehmen bewertet ist? Wird die Dividende weiterhin zuverlässig gezahlt? In diesem Beitrag zur Aktienanalyse – Methoden und Kennzahlen möchte ich zeigen, wie ich Unternehmen finde und bewerte, ob diese eine gute Wahl für mein Depot sind, und welche Methoden ich dafür anwende. Der Artikel ist ein sehr gutes Beispiel um die Methoden der Aktienanalyse zu verstehen, und zu lernen wie man Aktien bewertet.

Hinweis: Um den Artikel zu verstehen ist es wichtig, die Zusammenhänge bei den Aktien vorher verinnerlicht zu haben. Falls du dir noch unsicher bist, hilft der Artikel „Was sind Aktien überhaupt?“ der speziell für Einsteiger geschrieben ist.

Was sind Aktien überhaupt? Aktien Grundlagen einfach erklärt für Anfänger

Aktienanalyse Methoden

Die aufwändige Methode

In meiner Masterarbeit habe ich das Unternehmen “Fresenius Medical Care” anhand der Discounted-Cashflow-Methode bewertet. Ziel war es, den sogenannten “fairen Preis” der Aktie zu ermitteln. Dazu versuchte ich so gut es geht die zukünftigen Cashflows des Unternehmens zu prognostizieren und auf den Bewertungsstichtag abzuzinsen – damit errechnete ich den Wert der Aktie.

Anhand dieser Berechnung konnte ich damals feststellen, dass die Aktie zum Bewertungszeitpunkt unterbewertet war. Das bedeutet, nach meiner Aktienanalyse war der Preis am Markt zu günstig – sie wäre eigentlich mehr wert gewesen. Ein Kauf wäre also durchaus ratsam gewesen. Das Unternehmen hatte eine sehr gute Perspektive, ein überaus interessantes Geschäftsgebiet und damit gute und steigenden Gewinne in der Zukunft.

Allerdings wende ich diese Methode nicht bei meinen echten Kaufentscheidungen an.

Sie ist eben sehr aufwändig, aber noch schlimmer: sie ist stark beeinflusst von Parametern, die ich selber festlegen kann. Manche haben einen geringen, andere einen enorm großen Einfluss auf den berechneten “fairen” Aktienpreis. Das ist wichtig zu wissen, denn die oft zitierten Analysten machen nichts anderes, noch schlimmer: sie wollen auch nicht sagen, wie sie die Parameter ermittelt haben. Sie nennen ein Kursziel, und das war es dann auch.Wie sie ihre Aktienanalyse durchgeführt haben, wird nicht transparent gemacht.

Wenn diese Bewertungsmethode zu aufwändig ist und die Analysteneinschätzungen nicht nachvollziehbar sind, wie soll ich dann erfahren, ob ein Unternehmen nun gut oder schlecht ist?

Die zeiteffiziente Methode

Wer in einzelne Unternehmen investieren möchte, kommt nicht umhin, sich etwas mit einem potentiellen Kandidaten auseinanderzusetzen. Wer es ganz bequem haben will, wählt hingegen einen ETF. Im Beitrag Spar dir das Sparbuch! wird gezeigt, wie effektiv so ein langfristiges Investment in den DAX oder einen anderen Index sein kann. Einmal den ETF als Sparplan eingerichtet, müssen wir uns für die nächsten Jahrzehnte um nichts mehr kümmern.

Aber nun konkret: Wie gehe ich vor, wenn ich ein einzelnes Unternehmen kaufen möchte? Einen „Masterplan“ habe ich nicht, aber es gibt einige Punkte, die ich abarbeite.

Wie finde ich die Branche für meine Aktien?

Normalerweise habe ich bereits eine Idee, welche Branche oder welcher Sektor als nächstes in mein Depot soll. Falls nicht, beobachte ich die Welt ein bisschen: Was ist gerade los? Welche Produkte oder Dienstleistungen sind gerade angesagt? Welche Produkte wollen die Leute, welche brauchen sie? Von welchen Produkten bin ich fasziniert? So führt eines zum Anderen und am Ende habe ich ein paar Namen von Unternehmen oder deren Konkurrenten. Ich lasse mich aber auch von anderen Investoren “inspirieren” und sehe mir an, was diese in ihrem Depot haben. In den Foren von wallstreet-online.de findet man unzählige Privatanleger, die über Aktien diskutieren und ihr Depots vorstellen.

Analyse der aktuelle Lagen an der Börse: Bevorstehender Crash oder gesunde Korrektur?

Turbolenzen am Kapitalmarkt – Einschätzung der Lage

Kennzahlen zur Aktienanalyse

Sobald ich eine Branche gefunden habe, die ich interessant finde, geht die eigentliche Arbeit los. Üblicherweise sehe ich mir auf finviz.com die Branche genauer an und filtere die Unternehmen nach der Höhe der Marktkapitalisierung. Sehr große und wertvolle Unternehmen sind meistens älter und haben schon so einiges durchgemacht. Im Gegensatz zu jungen und kleineren Unternehmen, kann ich also viel besser abschätzen, wie sich das Unternehmen in Krisen verhalten hat. „Finviz“ ist übrigens nur für amerikanische Unternehmen nutzbar und bietet insgesamt hervorragenden Screening-Möglichkeiten an, um Unternehmen speziell nach persönlichen Filterkriterien zu finden. Für deutsche oder europäische Unternehmen nutze ich z.B. ariva.de4-traders.comfinanzen.net.

Dividendenrendite als Kaufkriterium

Die Dividendenrendite und ihr Wachstum sind für mich ein wesentliches Kaufkriterium, also sortiere ich alle Unternehmen heraus, deren Dividendenrendite zu gering ist. Unternehmen mit weniger als 3% Dividendenrendite finde ich weniger interessant.

Nun sehe ich mir die Unternehmen nach und nach etwas genauer an: Der Chart zeigt mir, ob in letzter Zeit etwas Aufregendes passiert ist. Den Chart stelle ich auch in Vergleich mit einem passenden Index (S&P 500, NASDAQ, DAX). Das geht besonders gut auf bei „Ariva“. Daran erkenne ich, ob größere Schwankungen mit der Gesamtstimmung am Markt korrelieren oder doch am Unternehmen liegen. Für letzteres sehe ich mir anschließend die Nachrichten zu dem Unternehmen an, entweder direkt bei finviz, finance.google.com (hier sind direkt im Chart Hinweise zu besonderen Ereignissen hinterlegt) oder einfach über news.google.com.

Aktien Kennzahlen KGV & Co.

Nun habe ich einen groben Überblick über das Unternehmen und die dazugehörige Nachrichtenlage. Für die Investitionsentscheidung sind aber auch klare Finanzkennzahlen relevant. Wichtig ist: nicht gleich zurückschrecken vor den Fachbegriffen. Diese sind häufig ziemlich gar nicht mal kompliziert und man muss auch nicht selber mit dem Taschenrechner hantieren.

P/E-Ratio (bzw. KGV: Kurs/Gewinn-Verhältnis): Das Verhältnis zwischen dem Gewinn pro Aktie und dem Preis der Aktie. Ein sehr hohes KGV bedeutet, dass die Aktie sehr teuer ist. Beispiel: der Gewinnt pro Aktie beträgt 5 EUR und die Aktie kostet 100 EUR, dann beträgt das KGV genau 20.

EPS past 5 Years und Sales past 5 Years. Das Gewinn- und das Umsatzwachstum über die letzten fünf Jahre. Ein Unternehmen, das in den letzten Jahren immer weniger Umsatz und/oder Gewinn gemacht hat, ist tendenziell schwach unterwegs.

Payout-Ratio: Der Anteil vom Gewinn, der als Dividende ausgeschüttet wird. Eine niedrige Payout-Ratio bedeutet, dass die Dividende nicht gleich in Gefahr ist, wenn das Unternehmen weniger Gewinn erwirtschaftet.

Cash/Share: Der Cashflow je Aktie. Der Cashflow ist kaum durch bilanzielle Gestaltungsmöglichkeiten beeinflussbar und damit eine zuverlässige Kenngröße für die Beurteilung der Finanzkraft eines Unternehmens.

Beta: Die Korrelation des Aktienkurses zum Gesamtmarkt. Ein Beta <1 bedeutet, dass eine Aktie im Vergleich zum Markt weniger stark verliert – sie ist also eher unabhängig vom aktuellen Marktgeschehen und damit ein Stabilitätsfaktor in Krisenzeiten. Beispielsweise wird ein Getränkehersteller relativ unbeeindruckt von einer Krise am Markt sein, die Leute müssen immer trinken. Ein Beta >1 bedeutet, dass sich Schwankungen im Markt überproportional stark auf den Aktienkurs auswirken. Das würde z.B. auf viele Industrieunternehmen zutreffen,

Diese Kennzahlen geben mir schon mal einen Anhaltspunkt dafür, ob es sich lohnt, sich weiter mit dem Unternehmen zu beschäftigen.

Aktienanalyse ist keine Raketenwissenschaft. Wie alles, schaut es am Anfang komplizierter aus als es in Wirklichkeit ist. © allvision / Fotolia.

Dividenden Analyse

Im nächsten Schritt suche ich das Unternehmen bei dividend.com, um mehr über die Dividendenperformance zu erfahren: Wie lange zahlt das Unternehmen bereits kontinuierlich Dividenden? Steigen die Dividenden regelmäßig an? Wann gab es eine Kürzung der Dividende, und warum? Aus der Dividendenperformance lese ich vor allem die Fähigkeit des Managements, das Unternehmen im Sinne der Anteilseigner zu führen. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel: es gibt hervorragende Unternehmen, die keine oder kaum Dividenden zahlen und die Anteilseigner dafür mit einer ansehnlichen Aktienkursperformance zufrieden stellen. Ich persönlich präferiere regelmäßige Ausschüttungen in Form von Dividenden.

Dividendenaristokraten – Zuverlässige Dividendenzahler

Aktienanalyse Lernen

Lektüren – seriöse Online Quellen

Was sagen eigentlich andere Leute zu dem Unternehmen? Mich interessiert die Einschätzung von andere Menschen, sowohl negative als auch positive Kritik. Habe ich bei der Analyse wichtige Dinge übersehen oder Entwicklungen falsch gedeutet? Ich lese daher auf fool.com und seekingalpha.com (beides englischsprachig) Analysen über das Unternehmen oder die Branche. Auf beiden Seiten tummeln sich viele kleinere und größere Investoren, die ihre persönlichen Einschätzungen sehr ausführlich erklären und mit Zahlen und Daten hinterlegen. Für diejenigen, die deutsche Lektüre bevorzugen sei das Forum auf wallstreet-online.de empfohlen. Damit spare ich mir viel Zeit, die ich sonst mit der Lektüre der Geschäftsberichte und der aktuellen Nachrichtenlage verbracht hätte.

Geschäftsberichte der AG

Oft werden direkte Vergleiche mit den Konkurrenzfirmen erstellt, so sieht man relativ schnell, wie gut das Unternehmen in bestimmten Bereichen performt und wo die Risiken zu sehen sind. Natürlich besteht die Gefahr, dass die Aktienanalysen stark von der Meinung des Autors beeinflusst sind, daher ist es immer empfehlenswert mehrere Artikel von verschiedenen Autoren zu dem Unternehmen zu lesen und im Zweifel selbst den Geschäftsbericht durchzublättern. Von Vorteil sehe ich hingegen, dass die Analysen typischerweise auf Basis der Geschäftszahlen durchgeführt werden und somit nachvollziehbar sind – im Gegensatz zu den von großen Banken herausgegeben Kurszielen, deren Ermittlung nicht offengelegt wird.

Mit der stets gebotenen Vorsicht und einem gesunden Misstrauen gegenüber Empfehlungen, kann man sich über die Analysen jedenfalls sehr gut einen Überblick über die Branche und die Unternehmen verschaffen.

Geschäftsbericht gibt interessante Einblicke

Doch auch der Geschäftsbericht ist durchaus interessant. Wenn mir ein kleineres Unternehmen positiv aufgefallen ist, kommt es schon mal vor, dass ich dazu wenig Lesematerial im Internet finde. Hier lohnt es sich, den Geschäftsbericht anzusehen. Die Berichte sind üblicherweise sehr lang, text- und zahlenlastig, doch mit der Zeit bekommt man ein Gefühl dafür, wo man hinsehen sollte und was nur der Selbstdarstellung des Unternehmens dient. Interessant ist für mich z. B. die Frage, ob ein Unternehmen einen besonders hohen Anteil seines Geschäftes nur mit einem Produkt macht. Was ist, wenn das Produkt plötzlich nicht mehr gefragt ist? Auch interessant ist die Aufteilung des Marktes. Macht das Unternehmen einen großen Teil seines Geschäftes nur in einem Land? Und dort womöglich nur regional konzentriert? Mit anderen Worten: Ich versuche mit vertretbarem Zeitaufwand hier Risiken (und Chancen) zu entdecken, die ich zuvor noch nicht erkannt habe.

Übrigens haben viele der oben genannten Websites auch einen kostenpflichtigen (und meist sehr teuren) Premiumbereich. Ich bin bislang auch gut ohne diesen ausgekommen.

Aktienanalyse Fazit

Die individuelle Aktienauswahl ist etwas zeitintensiv, dennoch ist eine Aktienanalyse sehr wichtig. Wie bei allen großen Kaufentscheidungen zahlt es sich aber aus, sich vorab gut zu informieren – so kann man Geld sparen oder zu riskante Geschäfte vermeiden. Bei dem Kauf eines Autos investiert man auch viel Zeit in die Recherche – das selbe Prinzip sollte man bei Aktien ebenfalls walten lassen.

Niemand sollte sich von den vielen Zahlen abschrecken lassen, die meisten Finanzseiten bereiten die Zahlen bereits schön auf. Mit der Zeit gewinnt man an Erfahrung im Lesen und Deuten der Zahlen, um Artikel zur Bewertung einer Aktie besser zu interpretieren.

Wir können nicht in die Zukunft sehen

Was wir bei der Investition machen können ist, grundsolide Unternehmen zu suchen, die eine gute Performance in der Vergangenheit gezeigt haben.  Aktien die durch ihre Dividendenpolitik beweisen, dass der Aktionär für sie sehr wichtig ist. Zusammen mit ordentlichen Aktien Kennzahlen und einem positiven Gesamtbild innerhalb der Analysen spricht nichts gegen den Kauf des Unternehmens.

Und wie immer gilt auch hier die goldene Regel fürs Investieren.

Deine Erfahrungen und Methoden

  • Hast du bereits selbst Erfahrungne mit Aktienanalysen gesammelt?
  • Auf welche Aktien Kennzahlen legst du besonderen Wert?
  • Kannst du bestimmte (Online-)Quellen empfehlen?

Weiterführende Ratgeber zum Thema Aktien

Wir freuen uns auf dein Feedback!

PS: Wer ein praktisches Beispiel sucht… In einem anderen Beitrag habe ich die Aktie Daimler analysiert.

Daimler Aktie Kaufen? Aktien Analyse der Daimler AG einfach erklärt

 

Beitragsfoto © robu_s / Fotolia.

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Über Marcel 35 Artikel
Marcel ist Autor von Finanzgrundlagen. Wenn du mir eine Nachricht schreiben willst, kontaktiere mich über die Kommentare in meinen Artikeln oder schreibe mir eine mail an marcel@finanzgrundlagen.de

2 Kommentare

  1. Ein schöner Artikel. Schön finde ich auch die Feststellung zum DCF-Verfahren. Theoretisch-mathematisch eine super Sache. Praktisch nutzlos und Zeitverschwendung.

    Ich finde es nur etwas verwunderlich, dass kein Hinweis auf den Investor Relations Bereich des Unternehmens gegeben wird. Ein Blick in den Geschäftsbericht sollte auch eher früher als später erfolgen. Die genannten Quellen sind alle ok, es sind aber Sekundärquellen und nicht die Originaldaten des Unternehmens. Diese findet man immer im Investor Relations Bereich der Unternehmenswebsite.

    • Toller Artikel und guter Überblick! Meiner Ansicht nach ist die wichtigste Informationsquelle der Geschäftsbericht. Der ist hier leider etwas kurz gekommen (Worauf muss man achten? Welche Informationen verwendest Du selbst?). Planst Du noch einen Beitrag zu dem Thema?

      @Thomas: Dass das DCF Verfahren Zeitverschwendung ist deine persönliche Einschätzung, die Mehrheit von erfahrenen und erfolgreichen Investoren wird dir da massiv widersprechen. Ich verwende das Verfahren seit vielen Jahren und kann sagen, dass es alles andere als Zeitverschwendung ist.
      Ich würde argumentieren, dass man sich mit Anwendung des DCF Verfahrens mehr mit der Zukunft (auch wenn man diese nur grob abschätzen kann) und der Bilanz eines Unternehmens beschäftigt, als sich blind auf „dumme“ Formeln, wie der Graham Formel oder einem Mittelwert zu verlassen. Du findest zahlreiche Beispiele, wie nutzlos diese Formeln in der Praxis sind.
      Die Zukunft ist wesentlich wichtiger, als die Vergangenheit und sollte daher auch Berücksichtigung finden. Die besten Investitionen findet man meiner Meinung nach dann, wenn sowohl die Vergangenheit, als auch die zukünftige Entwicklung eine großartige Chance aufzeigen.
      Deshalb verwenden viele erfolgreiche Investoren beides, um ein umfangreiches und vor allen Dingen vollständiges Bild zu erhalten. Wer das nicht tut, der verzichtet freiwillig auf enorm nützliche Informationen und kauft viel Mist in sein Depot. DCF Anwender hätten in den letzten Jahren keine RWE, Commerzbank oder gekauft. Leute, die diese Formeln verwenden schon.
      Nebenbei bemerkt ist das DCF Verfahren eine bessere und genauere Version des Dividend Discount Modells, dass Du so gerne verwendest.
      Ich bin kann nur dazu raten die Scheuklappen abzulegen und offen für gute Ansätze zu sein.

      Trotzdem viel Erfolg euch beiden

      Christian

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