Aktienanalyse – wie findet man gute Aktien?

Es gibt gute und weniger gute Unternehmen. Als Investor steht man jedem Kauf einer Aktie vor der Frage: Wie stelle ich fest, zu welcher Kategorie das Unternehmen gehört? Woher will ich wissen, ob es in Zukunft nach oben oder nach unten geht, ob die Dividende weiterhin zuverlässig gezahlt und angehoben wird?

In diesem Beitrag möchte ich zeigen, wie ich Unternehmen finde und bewerte, ob diese eine gute Wahl für mein Depot sind.

Die aufwändige Methode

In meiner Masterarbeit habe ich das Unternehmen “Fresenius Medical Care” anhand der Discounted-Cashflow-Methode bewertet. Ziel war es, den sog. “fairen Preis” der Aktie zu ermitteln. Dazu versuchte ich so gut es geht die zukünftigen Cashflows des Unternehmens zu prognostizieren und auf den Bewertungsstichtag abzuzinsen – damit errechnete ich den Wert der Aktie.

Anhand dieser Berechnung konnte ich damals feststellen, dass die Aktie zum Bewertungszeitpunkt unterbewertet war. Das bedeutet, die Aktie war am Markt zu günstig – sie wäre eigentlich mehr wert gewesen.

Ein Kauf wäre also durchaus ratsam gewesen. Das Unternehmen hatte eine sehr gute Perspektive, ein überaus interessantes Geschäftsgebiet und damit gute und steigenden Gewinne in der Zukunft.

Allerdings wende ich diese Methode nicht bei meinen echten Kaufentscheidungen an.

Sie ist eben sehr aufwändig, aber noch schlimmer: sie ist stark beeinflusst von Parametern, die ich selber festlegen kann. Manche haben einen geringen, andere einen enorm großen Einfluss auf den berechneten “fairen” Aktienpreis. Das ist wichtig zu wissen, denn die oft zitierten Analysten machen nichts anderes, noch schlimmer: sie wollen auch nicht sagen, wie sie die Parameter ermittelt haben. Sie nennen ein Kursziel und das war es dann auch.

Wenn diese Bewertungsmethode zu aufwändig ist und die Analysteneinschätzungen nicht nachvollziehbar sind, wie soll ich dann erfahren, ob ein Unternehmen nun gut oder schlecht ist?

Die zeiteffiziente Methode

Wer in einzelne Unternehmen investieren möchte, kommt nicht umhin, sich etwas mit einem potentiellen Kandidaten auseinanderzusetzen. Wer es ganz bequem haben will, wählt hingegen einen ETF. Im Beitrag Spar dir das Sparbuch! wird gezeigt, wie effektiv so ein langfristiges Investment in den DAX oder einen anderen Index sein kann. Einmal den ETF als Sparplan eingerichtet, müssen wir uns für die nächsten Jahrzehnte um nichts mehr kümmern.

Aber nun konkret: Wie gehe ich vor, wenn ich ein einzelnes Unternehmen kaufen möchte? Einen „Masterplan“ habe ich nicht, aber es gibt einige Punkte, die ich abarbeite.

Wie finde ich die Branche?

Normalerweise habe ich bereits eine Idee, welche Branche oder welcher Sektor als nächstes in mein Depot soll. Falls nicht, beobachte ich die Welt ein bisschen: Was ist gerade los? Welche Produkte oder Dienstleistungen sind gerade angesagt? Welche Produkte wollen die Leute, welche brauchen sie? Von welchen Produkten bin ich fasziniert? So führt eines zum Anderen und am Ende habe ich ein paar Namen von Unternehmen oder deren Konkurrenten. Ich lasse mich aber auch von anderen Investoren “inspirieren” und sehe mir an, was diese in ihrem Depot haben. In den Foren von wallstreet-online.de findet man unzählige Privatanleger, die über Aktien diskutieren und ihr Depots vorstellen.

Die Analyse

Sobald ich eine Branche gefunden habe, die ich interessant finde, geht die eigentliche Arbeit los. Üblicherweise sehe ich mir auf finviz.com die Branche genauer an und filtere die Unternehmen nach der Höhe der Marktkapitalisierung. Sehr große und wertvolle Unternehmen sind meistens älter und haben schon so einiges durchgemacht. Im Gegensatz zu jungen und kleineren Unternehmen, kann ich also viel besser abschätzen, wie sich das Unternehmen in Krisen verhalten hat. „Finviz“ ist übrigens nur für amerikanische Unternehmen nutzbar und bietet insgesamt hervorragenden Screening-Möglichkeiten an, um Unternehmen speziell nach persönlichen Filterkriterien zu finden. Für deutsche oder europäische Unternehmen nutze ich z.B. ariva.de4-traders.comfinanzen.net.

Die Dividendenrendite und ihr Wachstum sind für mich ein wesentliches Kaufkriterium, also sortiere ich alle Unternehmen heraus, deren Dividendenrendite zu gering ist. Unternehmen mit weniger als 3% Dividendenrendite finde ich weniger interessant.

Nun sehe ich mir die Unternehmen nach und nach etwas genauer an: Der Chart zeigt mir, ob in letzter Zeit etwas Aufregendes passiert ist. Den Chart stelle ich auch in Vergleich mit einem passenden Index (S&P 500, NASDAQ, DAX). Das geht besonders gut auf bei „Ariva“. Daran erkenne ich, ob größere Schwankungen mit der Gesamtstimmung am Markt korrelieren oder doch am Unternehmen liegen. Für letzteres sehe ich mir anschließend die Nachrichten zu dem Unternehmen an, entweder direkt bei finviz, finance.google.com (hier sind direkt im Chart Hinweise zu besonderen Ereignissen hinterlegt) oder einfach über news.google.com.

Kennzahlen

Nun habe ich einen groben Überblick über das Unternehmen und die dazugehörige Nachrichtenlage. Für die Investitionsentscheidung sind aber auch klare Finanzkennzahlen relevant. Wichtig ist: nicht gleich zurückschrecken vor den Fachbegriffen. Diese sind häufig ziemlich gar nicht mal kompliziert und man muss auch nicht selber mit dem Taschenrechner hantieren.

P/E-Ratio (bzw. KGV: Kurs/Gewinn-Verhältnis): Das Verhältnis zwischen dem Gewinn pro Aktie und dem Preis der Aktie. Ein sehr hohes KGV bedeutet, dass die Aktie sehr teuer ist. Beispiel: der Gewinnt pro Aktie beträgt 5 EUR und die Aktie kostet 100 EUR, dann beträgt das KGV genau 20.

EPS past 5 Years und Sales past 5 Years. Das Gewinn- und das Umsatzwachstum über die letzten fünf Jahre. Ein Unternehmen, das in den letzten Jahren immer weniger Umsatz und/oder Gewinn gemacht hat, ist tendenziell schwach unterwegs.

Payout-Ratio: Der Anteil vom Gewinn, der als Dividende ausgeschüttet wird. Eine niedrige Payout-Ratio bedeutet, dass die Dividende nicht gleich in Gefahr ist, wenn das Unternehmen weniger Gewinn erwirtschaftet.

Cash/Share: Der Cashflow je Aktie. Der Cashflow ist kaum durch bilanzielle Gestaltungsmöglichkeiten beeinflussbar und damit eine zuverlässige Kenngröße für die Beurteilung der Finanzkraft eines Unternehmens.

Beta: Die Korrelation des Aktienkurses zum Gesamtmarkt. Ein Beta <1 bedeutet, dass eine Aktie im Vergleich zum Markt weniger stark verliert – sie ist also eher unabhängig vom aktuellen Marktgeschehen und damit ein Stabilitätsfaktor in Krisenzeiten. Beispielsweise wird ein Getränkehersteller relativ unbeeindruckt von einer Krise am Markt sein, die Leute müssen immer trinken. Ein Beta >1 bedeutet, dass sich Schwankungen im Markt überproportional stark auf den Aktienkurs auswirken. Das würde z.B. auf viele Industrieunternehmen zutreffen,

Diese Kennzahlen geben mir schon mal einen Anhaltspunkt dafür, ob es sich lohnt, sich weiter mit dem Unternehmen zu beschäftigen.

Aktienanalyse ist keine Raketenwissenschaft. Wie alles, schaut es am Anfang komplizierter aus als es in Wirklichkeit ist. © allvision / Fotolia.

Im nächsten Schritt suche ich das Unternehmen bei dividend.com, um mehr über die Dividendenperformance zu erfahren: Wie lange zahlt das Unternehmen bereits kontinuierlich Dividenden? Steigen die Dividenden regelmäßig an? Wann gab es eine Kürzung der Dividende, und warum? Aus der Dividendenperformance lese ich vor allem die Fähigkeit des Managements, das Unternehmen im Sinne der Anteilseigner zu führen. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel: es gibt hervorragende Unternehmen, die keine oder kaum Dividenden zahlen und die Anteilseigner dafür mit einer ansehnlichen Aktienkursperformance zufrieden stellen. Ich persönlich präferiere regelmäßige Ausschüttungen in Form von Dividenden.

Lektüre

Was sagen eigentlich andere Leute zu dem Unternehmen? Mich interessiert die Einschätzung von andere Menschen, sowohl negative als auch positive Kritik. Habe ich bei der Analyse wichtige Dinge übersehen oder Entwicklungen falsch gedeutet? Ich lese daher auf fool.com und seekingalpha.com (beides englischsprachig) Analysen über das Unternehmen oder die Branche. Auf beiden Seiten tummeln sich viele kleinere und größere Investoren, die ihre persönlichen Einschätzungen sehr ausführlich erklären und mit Zahlen und Daten hinterlegen. Für diejenigen, die deutsche Lektüre bevorzugen sei das Forum auf wallstreet-online.de empfohlen. Damit spare ich mir viel Zeit, die ich sonst mit der Lektüre der Geschäftsberichte und der aktuellen Nachrichtenlage verbracht hätte. Oft werden direkte Vergleiche mit den Konkurrenzfirmen erstellt, so sieht man relativ schnell, wie gut das Unternehmen in bestimmten Bereichen performt und wo die Risiken zu sehen sind. Natürlich besteht die Gefahr, dass die Analysen stark von der Meinung des Autors beeinflusst sind, daher ist es immer empfehlenswert mehrere Artikel von verschiedenen Autoren zu dem Unternehmen zu lesen und im Zweifel selbst den Geschäftsbericht durchzublättern. Von Vorteil sehe ich hingegen, dass die Analysen typischerweise auf Basis der Geschäftszahlen durchgeführt werden und somit nachvollziehbar sind – im Gegensatz zu den von großen Banken herausgegeben Kurszielen, deren Ermittlung nicht offengelegt wird.

Mit der stets gebotenen Vorsicht und einem gesunden Misstrauen gegenüber Empfehlungen, kann man sich über die Analysen jedenfalls sehr gut einen Überblick über die Branche und die Unternehmen verschaffen.

Doch auch der Geschäftsbericht ist durchaus interessant. Wenn mir ein kleineres Unternehmen positiv aufgefallen ist, kommt es schon mal vor, dass ich dazu wenig Lesematerial im Internet finde. Hier lohnt es sich, den Geschäftsbericht anzusehen. Die Berichte sind üblicherweise sehr lang, text- und zahlenlastig, doch mit der Zeit bekommt man ein Gefühl dafür, wo man hinsehen sollte und was nur der Selbstdarstellung des Unternehmens dient. Interessant ist für mich z. B. die Frage, ob ein Unternehmen einen besonders hohen Anteil seines Geschäftes nur mit einem Produkt macht. Was ist, wenn das Produkt plötzlich nicht mehr gefragt ist? Auch interessant ist die Aufteilung des Marktes. Macht das Unternehmen einen großen Teil seines Geschäftes nur in einem Land? Und dort womöglich nur regional konzentriert? Mit anderen Worten: Ich versuche mit vertretbarem Zeitaufwand hier Risiken (und Chancen) zu entdecken, die ich zuvor noch nicht erkannt habe.

Übrigens haben viele der oben genannten Websites auch einen kostenpflichtigen (und meist sehr teuren) Premiumbereich. Ich bin bislang auch gut ohne diesen ausgekommen.

Fazit Aktienanalyse

Die individuelle Aktienauswahl ist etwas zeitintensiv. Wie bei allen großen Kaufentscheidungen zahlt es sich aber aus, sich vorab gut zu informieren – so kann man Geld sparen oder zu riskante Geschäfte vermeiden. Bei dem Kauf eines Autos investiert man auch viel Zeit in die Recherche – das selbe Prinzip sollte man bei Aktien ebenfalls walten lassen.

Niemand sollte sich von den vielen Zahlen abschrecken lassen, die meisten Finanzseiten bereiten die Zahlen bereits schön auf und mit der Zeit gewinnt man an Erfahrung im Lesen und Deuten der Zahlen. Schließlich noch eines: wir können die Zukunft nicht sehen, was wir bei der Investition aber machen können ist, grundsolide Unternehmen zu suchen, die eine gute Performance in der Vergangenheit gezeigt haben und durch ihre Dividendenpolitik beweisen, dass der Aktionär für sie sehr wichtig ist. Zusammen mit ordentlichen Kennzahlen und einem positiven Gesamtbild innerhalb der Analysen spricht nichts gegen den Kauf des Unternehmens. Und wie immer gilt auch hier die goldene Regel fürs Investieren.

 

Beitragsfoto © robu_s / Fotolia.
4.67/5 (1)

Bitte bewerte diesen Artikel von Finanzgrundlagen

1 Trackback / Pingback

  1. Fundamentalanalyse von Unternehmen - Finanzgrundlagen

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*