Die Deutsche Rentenversicherung – Teil I, oder: wer arbeitet, ist der Dumme?

In schöner Regelmäßigkeit diskutieren die Vertreter deutscher Parteien über die Zukunft der gesetzlichen Rentenversicherung. Von Norbert Blüms mutig vorgetragenen Aussage „Die Rente ist sicher“ bis zur Diskussion der Problematik der Altersarmut war es ein langer Weg. Beschleunigt wurde dieser eindeutig durch die Rentenreformen der Regierungen Schröder – Fischer zwischen 1998 und 2005. Man müsse nun privat vorsorgen, denn die gesetzliche Rente alleine reiche nicht mehr aus für ein angemessenes Leben im Alter, teilte man uns von politischer Seite wie aus der Ecke der Versicherungswirtschaft unisono mit.  Die Tatsache, dass genau dieses Problem durch die Rentenreformen eben dieser Regierung maßgeblich erzeugt wurde vergisst man gerne bei den rot-grünen Recken jener Zeit. Vor allem die Grünen, deren Wählerschaft sich aus den wohlhabendsten Bürgern und Beamten unseres Landes rekrutiert, zeichnen sich hier durch unverschämte Heuchelei aus, haben sie mit den Auswirkungen der Reformen nicht persönlich zu kämpfen.

Dies soll jedoch heute nicht unser Thema sein. Wir wollen uns vielmehr der spannenden Frage widmen ob es sich bei der Deutschen Rentenversicherung noch um eine Versicherung handelt (wie der Name impliziert) oder es sich mittlerweile schlicht um eine weitere „Steuer“ handelt, die den Arbeitnehmern dieses Landes aufgezwungen wird. Auch geht es um die Frage, ob die Rentenversicherung in der jetzigen Form subjektiv als fair und sozial bezeichnet werden kann.

Zwei fiktive Personen – Rentenanspruch und Rentenhöhe

Um dies herauszufinden betrachten wir zwei fiktive Personen: Ben und Jonas. Beide haben völlig unterschiedliche Erwerbsbiographien, die wir nachfolgend kurz skizzieren.

Beide Personen stehen kurz vor dem Ausscheiden aus dem „Erwerbsleben“, sie wurden im August des Jahres 1953 geboren, sind alleinstehend, wohnen in Nürnberg und können im Alter von 65 Jahren und sieben Monaten in Rente gehen. (Anmerkung: Diese Altersgrenze steigt schrittweise auf 67 Jahre an und dies wird sicher nicht das Ende der Fahnenstange sein).

Ben ist ein sog. „Eckrentner“. Dieser sperrige Begriff findet bei Personen Anwendung die exakt 45 Jahre in der GRV (Gesetzliche Rentenversicherung) versichert waren und dort Beiträge geleistet haben oder ihnen Beitrage zugesprochen wurden. Darüber hinaus hat Ben in jedem dieser 45 Jahre exakt den Durchschnittslohn eines deutschen Arbeitnehmers verdient. Während all dieser langen Jahre war Ben niemals arbeitslos, hat brav seine Steuern bezahlt und mit seinen Sozialabgaben seinen Teil des Generationenvertrages erfüllt.

Jonas‘ „Erwerbsbiographie“ hingegen stellt sich ein wenig differenziert dar. Er ist zu keinem Zeitpunkt einer Erwerbsarbeit nachgegangen. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit Hilfe staatlicher Transferleistungen im ALG 2- bzw. Hartz 4-System. Somit wurden von ihm weder Lohn- bzw. Einkommensteuer noch Sozialabgaben entrichtet. Kosten der Unterkunft und Heizung wurden, ebenso wie die Krankenversorgung, durch die Solidargemeinschaft getragen.

Die Deutsche Rentenversicherung – Teil II, oder: ein Leben lang arbeiten für gar nichts

Wie sieht die finanzielle Situation im Alter für Jonas aus?

Wenden wir uns zunächst Jonas zu. Aufgrund seiner Lebensleistung hat er keine Ansprüche in der Rentenversicherung erwirtschaftet und wechselt mit dem Eintritt ins „Rentenalter“ ganz schlicht das Transferleistungssystem. Er verlässt das System der Grundsicherung für erwerbsfähige Leistungsberechtigte (Hartz 4) und betritt den Bereich der sog. Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung. Was darf hier erwartet werden?

Ausgezahlt wird (analog zum ALG 2-System) ein Betrag von aktuell 416 € (Stand: ab Jan. 2018). Darüber hinaus ist Jonas in der GKV versichert, ohne dafür Beiträge leisten zu müssen, und hat Anspruch auf die volle Bandbreite der dort zur Verfügung stehenden Leistungen. Ebenfalls übernommen werden die Kosten für Unterkunft und Heizung. In Nürnberg darf eine alleinstehende Person eine Wohnung bis zu einer Bruttowarmmiete in Höhe von 465 € anmieten, ohne dass weiter geprüft wird. Ebenfalls übernommen werden die Kosten für Trinkwasser sowie die Kosten für Warmwasser. Für Jonas ändert sich demnach mit dem Eintritt in den „Ruhestand“ nichts. Lediglich der Name des Transferleistungssystems aus dem er finanziert wird ändert sich. Barleistung und Kosten der Unterkunft und Heizung betragen zusammen demnach 881 € im Monat, dazu die „kostenfreie“ Krankenversicherung.

Jeden Tag früh aufstehen und zur Arbeit gehen oder doch lieber liegen bleiben? Wie wirkt sich das auf die Rente aus?

Wie sieht die finanzielle Situation im Alter für Ben aus?

Demgegenüber betrachten wir nun die Situation von Ben. Als „Eckrentner“ hat er in den genannten 45 Arbeitsjahren genau 45 sog. Entgeltpunkte erworben (Anmerkung: Verdient eine Person in einem gegebenen Jahr X exakt den durchschnittlichen Lohn eines Arbeitnehmers in Deutschland, wird ihm genau ein Entgeltpunkt auf seinem fiktiven Rentenkonto zugeschrieben).

Ab dem 01.07.2018 beträgt der Wert eines Punktes in Westdeutschland 32,03 €. Somit kommen wir auf eine Bruttorente in Höhe von 1441,35 € (45 Jahre x 32,03 €).

Davon abzuziehen sind Steuern und Sozialabgaben. In diesem konkreten Beispiel wollen wir die Steuerbelastung außen vor lassen und vereinfachend nur die Sozialabgaben von der Bruttorente abziehen. Gehen wir von einem Beitragssatz von aktuell im Schnitt 15,6% für die GKV aus wovon Ben 8,3% tragen muss und addieren dazu die Kosten für die gesetzliche Pflegeversicherung (hier muss Ben im Rentenalter den vollen Beitrag zahlen, also zusätzlich auch die Anteile, die früher sein Arbeitgeber getragen hat) in Höhe von aktuell 2,8% hinzu kommen wir auf Abzüge in Höhe von 159,99 €.

Ausgezahlt werden demnach 1.281,36 €. Übrigens: Der Gesetzgeber hat bereits die sog. nachgelagerte Rentenbesteuerung beschlossen und sobald diese voll greift, ist auf die Bruttorente auch noch Steuer zu entrichten.

Die Differenz zur Rente von Jonas, der in seinem Leben nie einer Erwerbstätigkeit nachgegangen ist, beträgt somit ziemlich genau 400 € im Monat.

Aber: Um beim Vergleich mit Jonas auch wirklich konsistent zu argumentieren, müssen wir auf die genannten 881 € im Monat, die Jonas zustehen, auch noch die Sozialversicherungsabgaben von Ben hinzuaddieren. Dies ist leuchtet schnell ein, da Ben für seine Kranken- und Pflegeversicherung Beiträge entrichten muss, während Jonas dies nicht tun muss. Bei ihm werden die Kosten durch die Beitragszahler mitgetragen. Mit anderen Worten: Ben zahlt für Jonas mit, während beide den exakt gleichen Leistungsanspruch haben.

Die Gesamtkosten für Jonas belaufen sich somit nicht auf 881 €, sondern auf 1040,99 €. Die Differenz zwischen 45 Jahre Arbeit und 45 Jahre nicht-Arbeit beträgt somit 240,37 EUR.

Fazit

Betrachtet wurden zwei Erwerbsbiographien wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Eine der betrachteten Personen hat den Generationenvertrag voll erfüllt, Steuern wie Abgaben entrichtet und sich somit u.a. Ansprüche in der gesetzlichen Rentenversicherung erworben. Die zweite betrachtete Person tat dies nicht. Hier soll explizit nicht auf die Gründe eingegangen werden, wieso Jonas dazu nicht in der Lage war. Es geht hier vielmehr darum aufzuzeigen, wie erschreckend gering die Leistungen der GRV im Vergleich zur Basisabsicherung ausfallen. In unserem fiktiven, aber durchaus realistischen Beispiel beträgt die Differenz lediglich 240 €. In diesem Kontext ist es entscheiden darauf hinzuweisen, dass wir mit Ben eine Person betrachtet haben, die stets den Durchschnittslohn verdient hat, nie arbeitslos war und 45 Jahre erwerbstätig war.

In Teil II wollen wir eine Person betrachten, die eine gebrochene Erwerbsbiographie im sog. Niedriglohnsektor aufweist. Immerhin über 20% der Arbeitnehmer in Deutschland arbeiten in diesem Bereich. Nebenbei bemerkt ist diese Quote in keinem anderen Land der EU so hoch wie in Deutschland.

4.86/5 (14)

Bitte bewerte diesen Artikel von Finanzgrundlagen

Über Gastautoren 16 Artikel
Gastautoren von Finanzgrundlagen

4 Kommentare

  1. Ich finde den Vergleich nicht ganz korrekt. Du vergleichst die Rente von Ben NACH Sozialversicherung mit einem fiktiven Betrag von Jonas VOR Sozialversicherung (da fiktive Sozialversicherung addiert wird). Korrekter wäre es beide Auszahlungsbeträge zu vergleichen.

    • Nur die Auszahlung zu betrachten ist imho kein valides Vorgehen, denn von der Auszahlung, die Ben nach Sozialabgaben erhält (übrigens würde die Steuer auf seine Rente später einmal noch gute 60 EUR betragen), muss er sämtliche Kosten selbst tragen: Miete, Nahrung, Reparaturen, Neuanschaffungen, Zuzahlungen beim Zahnarzt etc, sogar GEZ. Alleine durch die Miete wird er sich seinen bisherigen Lebensstandard de facto nicht mehr leisten können, da diese den größten Posten darstellen wird. Obwohl er das System mitgetragen hat, seinen Teil beigetragen hat, erhält er als Dankeschön dafür nur ein paar Euro mehr, als Jonas.

      Jonas hingegen hat in der Hinsicht überhaupt keine Einbußen, er hatte ja bereits einen niedrigen Lebensstandard und fällt nicht weiter herunter.

      Der Betrag für Jonas ist mitnichten fiktiv, der Betrag liegt regelmäßig sogar höher.
      Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages hat dazu eine Tabelle veröffentlicht: https://www.bundestag.de/blob/549302/bfc5e726b310ddf2c90af0c50b38dda7/wd-6-016-18-pdf-data.pdf Seite 9.
      Da werden 12,48/Tag, also gut 380 EUR pro Monat genannt. Da geht es zwar um die durchschnittlichen Kosten für ausländische Leistungsbezieher im ALGII, aber fern von den Werten deutscher Bezieher dürfte das nicht liegen.

  2. Was Du da beschreibst ist echt krass und war mir nicht bewusst (wohne als Deutscher schon lange in der Schweiz). Ich glaube dem „Rentner“ Jonas kann man nichts mehr kürzen, vielleicht dem jungen Jonas? Schwierig…

  3. https://finanzgrundlagen.de/altersvorsorge/die-deutsche-rentenversicherung-teil-i-oder-wer-arbeitet-ist-der-dumme RENTE
    Danke fuer den Artikel.
    Was also schlaegst du vor?
    Die Grundsicherung absenken?
    Niedrigere Renten/Einkommen staerker steuer-/abgabenfrei stellen (wer soll’s zahlen?)?
    Eine Mischung aus beidem?

    Wahlen werden in der Mitte gewonnen. Sowohl „Besserverdiener“ als auch „Geringverdiener“ werden hier nix reissen?! Rentner sind bald eh‘ in der Mehrheit.
    Gefangen als Frosch im sich langsam erhitzenden Kochtopf? Also bleiben nur persoenliche Konsequenzen (raushuepfen?)?

    Wenn alle „Leistungstraeger“ sich verabreden wuerden, mal fuer eine begrenzte Zeit „nix mehr zu leisten“ also Republik-Revolte:
    – 6 Wochen unbezahlten Urlaub, auf Angestellter als auch auf Unternehmerseite (Beamte koennten es zumindest beantragen)
    – oder jeden Montag unbezahlten Urlaub?
    – oder jeden Montag krank, wegen Schlechtigkeit und Schwindeleien?,
    koennte man viell. ‚was bewegen / starke Zeichen setzen?
    Andere Vorschlaege?
    Wer macht mit?

3 Trackbacks / Pingbacks

  1. Deutscher Staat erzielt Rekordüberschuss - Ein Stück aus dem Tollhaus
  2. Die Deutsche Rentenversicherung – Teil II, oder:
  3. Die Deutsche Rentenversicherung – Teil III, oder: wie Beamte bevorzugt werden

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*