Leben ohne Auto – Gedankenspiele und ein Erfahrungsbericht

Kein Auto mehr zu haben bedeutet eine große Umstellung, der Verzicht auf Unabhängigkeit und Freiheit. So ist jedenfalls die gängige Auffassung der Autobesitzer. Es lassen sich 1000 Gründe finden, wieso das eigene Auto unbedingt notwendig ist, aber am Ende ist es vor allem die eigene Bequemlichkeit, die dafür sorgt, das Auto weiterhin behalten zu wollen – koste es was es wolle.

Wieso ist das so? Nehmen wir ein anderes Beispiel: das iPhone ist kürzlich zehn Jahre alt geworden. Es hatte seinerzeit das „mobile Leben“ grundsätzlich revolutioniert. Heute kann man sich ein Smartphone gar nicht mehr aus dem Alltag wegdenken und dennoch ist man vor der Smartphone-Ära auch gut zurecht gekommen. Es ist nur eine Frage der Gewöhnung.

Gedankenspiele – was wäre wenn kein Auto…?

Wie oben bereits gesagt, gibt es unzählige Gründe, die man vorbringen kann, wenn es um die Notwendigkeit des eigenen Autos geht. Im erster Linie spielen dabei die Lebensumstände eine große Rolle, die sind höchst individuell: wo wohnt man, wo muss man hin, wer und/oder was muss mit?

Wer auf dem Land wohnt hat keine so gute Anbindung an den ÖVPN wie die Stadtbewohner, das heißt aber nicht, dass es gar keine Anbindung gibt – prüfen sollte man es jedenfalls.

Wer flexibel ist, sollte über einen Umzug in die Stadt nachdenken, idealerweise in der Nähe der Arbeit. Innerhalb der Stadt ist man nicht mehr auf ein Auto angewiesen und hat alle wichtigen Anlaufstellen in der Nähe. Die Mieten sind, ceteris paribus, zwar höher, als auf dem Land. Wieso aber nicht auf einige Quadratmeter verzichten?

Die durchschnittliche Wohnfläche in Deutschland beträgt 49m² pro Person, in Italien sind es 31m², Großbritannien 33m². In Spanien, Schweden oder Frankreich ist das ähnlich. (Quelle: Capital). Wir leben also schon sehr großzügig und ganz nebenbei: der Raum muss auch gefüllt und sauber gehalten werden. Das Kostet Zeit und Geld.

Kurzum: Der Verzicht auf das Auto bedeutet eine Umstellung in mehreren Bereichen. Wer bereit ist, seine Lebensweise zu ändern und bestehendes zu hinterfragen, wird schnell merken, dass vieles auch ohne ein Auto geht. Zumindest so oft, dass man keine eigenes mehr benötigt.

Meine Erfahrungen: Leben ohne Auto

Ich habe mein Auto im Dezember 2015 verkauft und spare seitdem über 400 EUR jeden Monat. Und ich nehme es direkt vorweg: ich bereue es nicht.

z4 Coupé - Mein altex Auto
Mein altes z4 Coupé – Dank geringem Werverlust kaum teurer als ein neuer Golf.

Ich hatte neben dem Auto einen 125er Roller zur Verfügung und stellte fest, dass ich eigentlich, so häufig es ging, den Roller bevorzugt habe. Wieso? Ich setze den Helm auf, fahre los, und parke direkt bei meinem Ziel. Ich muss keinen Parkplatz suchen, an Staus kann ich (im Rahmen der Möglichkeiten) vorbeifahren. Ich kann Abkürzungen durch enge Seitenstraßen nehmen und mit max. 100 km/h bin ich flott genug für die meisten Strecken unterwegs. Im Auto hingegen hat mich jeder Stau, jede Ampel und die Parkplatzsuche genervt. Auf dem Roller bin ich deutlich entspannter am Ziel angekommen. Das kann nur jemand nachvollziehen, der schon einmal das Vergnügen hatte, mit dem Roller oder Motorrad zu fahren – leider machen nicht viele einen Motorradführerschein.

So kam es schließlich, dass ich bei fast jedem Wetter lieber mit dem Roller gefahren bin als mit dem Auto. Trotzdem wollte ich das Auto behalten, denn es gibt ja immer wieder Situationen in denen man das Auto braucht: große Einkäufe, Reisen, Regen, Winter.

Aber wie oft kommen diese Szenarien wirklich vor und braucht dafür ein eigenes Auto?

Wann braucht man unbedingt ein eigenes Auto?

Einkäufe erledige ich mit dem Fahrrad oder dem Roller, alles Alltägliche bekommt man damit ohne Probleme transportiert. Große Artikel bestelle ich meistens sowieso online, da entfällt der Transport. Ist etwas zu groß für den Transport mit zwei Rädern, bitte ich Freunde um Hilfe. Zur Not würde auch ein Taxi oder Mietwagen infrage kommen. Diese Situationen sind so selten, dass die Kosten dafür kaum ins Gewicht fallen.

Reisen bzw. große Strecken habe ich am liebsten mit meinem Auto getätigt – bis ich mal nachgerechnet habe. Ein Mietwagen war in meinem Fall bereits ab einer Strecke von 450 km günstiger!

Die Rechnung ist ganz einfach: Wenn das eigene Auto pro km 35 Cent kostet, kosten 450 km bereits 157 EUR. Ein Mietwagen kostet z.B. für ein Wochenende 120 EUR + Sprit. Bei einem Dieselverbrauch von 6 Litern auf 100 km und einem Dieselpreis von 1,15 EUR, kosten 450 km 31 EUR. Insgesamt kostet der Mietwagen für die Strecke 151 EUR und ist damit schon günstiger als der eigene Wagen!

So kam es, dass ich für sehr weite Strecken einen Mietwagen genommen habe, denn mein Auto war mir dafür zu Schade. Ins Ausland wollte ich damit schon gar nicht fahren, aus Angst vor Diebstahl oder Kratzern.

Fernbusse, Mitfahrgelegenheiten oder die Bahn sind natürlich auch gute Alternativen.

Japanischer Roller
In Japan häufig zu sehen – Luxusroller. Nichts für den Sparfuchs!

Regen: Klar, im Regen macht es keinen Spaß, auf zwei Rädern unterwegs zu sein. Aber ich sterbe ja nicht gleich, wenn ich mal nass werde. Ich kann mich entsprechend kleiden oder abwarten, bis es aufgehört hat.

Winter: Das Totschlagargument, ganz klar. Bei Minusgraden bleibt der Roller stehen, gar keine Frage. Alles über 0° kann man mit entsprechender Kleidung und bis ca. 30 Min. ohne weiteres fahren, da spreche ich aus Erfahrung. Aber die sinnvollste Alternative im Winter ist und bleibt der Bus und der Zug.

Was kostet ein Auto?

In dem Artikel Was kostet ein Auto – die tatsächlichen Kosten gehe ich genau darauf ein, was ein Auto wirklich kostet. Stimmt die These, dass der durchschnittliche Deutsche fast drei Monate arbeiten muss, um sein Auto ein Jahr lang zu finanzieren. Lesen Sie selbst nach!

Fazit: Kein Auto – eine Frage der Einstellung

Meine eigene Erfahrung hat mir gezeigt, dass es auch ohne Auto geht. Es klingt alles viel schlimmer und komplizierter als es dann eigentlich ist. Ich muss aber zugeben, dass der Roller unverzichtbar ist. Die Kosten für die Anschaffung und den Führerschein (falls nicht vorhanden), sind binnen eines Jahres wieder hereingeholt, wenn man dadurch auf das Auto verzichtet.

Würde ich nicht auf die finanzielle Unabhängigkeit hin arbeiten, hätte ich noch heute mein Auto, einfach, weil ich gerne damit herumgefahren bin und ich es mir leisten kann. Aber die Tatsache, dass ich nur wegen einem Auto etliche Jahre länger arbeiten muss, hat mich motiviert, darüber nachzudenken, ob ich meine Mobilitätsziele nicht anderweitig erreichen kann.

 

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2 Kommentare

  1. I’m glad you’re happy and excited! Do not think about whether you can not achieve your mobility goals elsewhere. Everything will be all right!

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  1. Haushaltsbuch – Private Einnahmen und Ausgaben im Blick behalten

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